Krieg der Bürsten

Zähneputzen im Kindergarten ist ein pädagogisches Abenteuer, das sich lohnt - wenn die Voraussetzungen stimmen.

Jeder tut es, täglich: Zähneputzen. Man könnte meinen, Zähneputzen sei ein Kinderspiel. Dabei ist es in Wirklichkeit äußerst kompliziert. Vor allem für Kinder. Es gilt, die richtige Menge Zahnpasta aus der Tube zu drücken und so auf dem Borstenkopf zu platzieren, dass sie nicht gleich wieder runter rutscht. Geschickt muss die kleine Kinderhand die Bürste zum Mund balancieren. Dort soll jeder einzelne Zahn hinten, vorn und unten gereinigt werden, vorsichtig, gründlich, mit wohl dosiertem Druck. Dann heißt es: Ausspülen und ins Waschbecken treffen, ohne sich zu bekleckern. Die Bürste auswaschen, den Becher auch. Alles wieder an seinen Platz zurückstellen.

Eine koordinatorische Höchstleistung ist das. Kinder benötigen viel Übung dazu. Sie brauchen Erwachsene an der Seite, die ihnen täglich zeigen, wie wichtig das Zähneputzen ist und wie man dabei vorgeht. Geht es nach der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, sollten ErzieherInnen diesen Job übernehmen. Zwar empfehlen die Experten genauso wie die American Dental Association, zweimal am Tag Zähne zu putzen. Die Pflege zu Hause müsste also eigentlich genügen. Aber nicht alle Eltern nehmen die Zahnpflege ihrer Sprösslinge ernst genug. Und: Gerade morgens vor dem Aufbruch in den Kindergarten und am Abend vor dem Zubettgehen herrschen in Familien Zeitdruck und Überforderung. Das Zähneputzen wird dann leicht zur lästigen, von Misstönen begleiteten Pflicht.
 

Zank und Streit am häuslichen Waschbecken

Im Kindergarten dagegen herrscht eine besondere Situation: Hier ist Zähneputzen eine pädagogisch begleitete Gemeinschaftserfahrung. Alle rundum, sieht das Kind, putzen sich die Zähne. Auf die Erzieherin zu hören fällt da nicht selten leichter als auf Mutter und Vater zu Hause. Und auch den Erzieherinnen und Erziehern kann es Spaß machen, Kindern zur Selbstständigkeit beim Zähneputzen zu verhelfen. Weiß man doch, dass frühe Gesundheitserziehung lebenslang Früchte trägt. Im Idealfall beaufsichtigt ein Erwachsener eine kleine Gruppe von Kindern im Bad. Er achtet darauf, dass die richtigen Bürsten verwendet werden und dass das Putzen mit Sorgfalt geschieht.

Geputzt wird erst eine halbe bis ganze Stunde nach dem Essen. Denn die Säure, zum Beispiel aus dem an sich so gesunden Obstnachtisch, greift den Zahnschmelz an. Beim Bürsten leiden die Zähne umso mehr. Nach dem Putzen zeigt die Erzieherin bzw. der Erzieher wie man die Bürste reinigt und unterstützt die Kinder dabei, Ordnung zu schaffen. Das tägliche Zähneputzen mit einer fluoridhaltigen Paste flankieren andere pädagogische Maßnahmen wie Zahnarztbesuche und Zahnarztspiele, Ernährungskunde und einfühlsame Elterngespräche vor allem dann, wenn Kinder ein besonders hohes Kariesrisiko haben. Es regiert ein Gesamtkonzept, das Kindern wie Eltern den Nutzen des Zähneputzens erschließt. So weit die Theorie.

Die tatsächlichen Bedingungen, unter denen das Zähneputzen in Kindergärten stattfindet, sind allerdings häufig düster: zu enge Waschräume, zu wenig Waschbecken, zu wenig Zeit zwischen Mittagessen und Abholung der Kinder und vor allem: zu wenig Personal. Eltern klagen darüber, dass Kinder ihre Bürsten vertauschen - unabhängig davon, ob alles mit Namen versehen ist. Bürsten rutschen auf dem Fußboden herum, Borsten biegen sich in alle Himmelsrichtungen, Zahnpastatuben verschwinden, T-Shirts sind weiß bekleckert. Im Nassraum entsteht Chaos, es bleibt keine Zeit zum Vorlesen vor dem Mittagsschlaf, das Putzen schluckt Stunden und ist trotzdem alles andere als gründlich - kurzum: für viele Kinder und ErzieherInnen ein kleiner Horrortrip.


Gut ist, was für alle passt

Zwischen Anspruch und Realität liegen mitunter Welten. Darum ist es sinnvoll, genau zu prüfen, ob und wie Zähneputzen im eigenen Kindergarten praktikabel ist. Denn: Jeder Kindergarten ist anders. Die Größe der Waschräume, die Zeitfenster zwischen Essen und Abholung, die Anzahl der Kinder bestimmen mit darüber, wann und wie die Zähne geputzt werden können. Wichtig ist auch, was in den Elternhäusern geschieht. In manchen Kindergärten genügt hin und wieder eine Projektwoche zum Thema Zähne. Das tägliche Putzen außer Haus ist dann vielleicht gar nicht so wichtig - die Eltern sind ohnehin sensibilisiert genug. In anderen Einrichtungen kann Zähneputzen unverzichtbarer Dreh- und Angelpunkt der Gesundheitserziehung sein - dann nämlich, wenn auch in den Elternhäusern das Gesundheitsbewusstsein gering ist. Mit ein bisschen Kreativität jedoch findet jeder Kindergarten seinen eigenen Weg, eine individuelle Lösung, mit der Kinder, ErzieherInnen und Eltern gut leben können.

 

Foto: istock

Zurück