Keine Kindheit ohne Bücher

Morgens die Träume der letzten Nacht erzählen, nachmittags in Bilderbüchern schmökern und keinen Abend ohne Gutenachtgeschichte einschlafen: Es gibt viele Möglichkeiten, Kindern die Begeisterung für Sprache und Bücher zu vermitteln. Weil das nur manche Familien tun, sind die Kindergärten gefragt.

Es sind oft die schönsten Momente einer Kindheit: Geborgen neben einem vertrauten Erwachsenen zu sitzen, zusammen über ein Buch gebeugt. Die Außenwelt zählt nicht mehr, nur das gemeinsame Versinken in aufregende, beruhigende, lustige und manchmal auch traurige Geschichten. Kinder lieben Geschichten, lange noch bevor sie selbst lesen können. Und sie lieben auch die besondere Atmosphäre, die zum Vorlesen gehört. Warum aber werden nur manche Kinder später Leseratten, die ein Buch nach dem nächsten verschlingen? Und wieso macht es anderen auch am Ende der Grundschulzeit noch Mühe, zusammenhängende Texte zu lesen und zu verstehen? Wichtige Grundlagen dafür, wie leicht oder schwer sich ein Kind beim Lesenlernen tut, werden in den ersten Lebensjahren gelegt. Da entscheidet sich meist, ob es sich in der Welt der Bücher einrichtet oder nicht. Das Vorlesen spielt dabei eine wichtige Rolle. Es geht um weit mehr als nur um die Frage, ob den späteren Lese-Muffeln ein spannendes Hobby entgeht. Geschichten können helfen, mit dem eigenen Leben besser zurechtzukommen. Der Kinderpsychologe und Psychoanalytiker Bruno Bettelheim hat speziell die Bedeutung von Märchen hervorgehoben, die Kindern – bewusst und unbewusst – Botschaften vermitteln, die ihnen bei ihren eigenen Problemen helfen. Und: Wer mit dem Lesen und Schreiben Probleme hat, ist in der aktuellen Informations- und Wissensgesellschaft überall benachteiligt. Das gilt für den Schulerfolg genauso wie für den Umgang mit dem Internet und anderen neuen Medien. Alle Fähigkeiten, die ein Kind braucht, um sich gut und mit Freude in der Welt des geschriebenen Wortes zurechtzufinden, werden unter dem englischen Begriff „Literacy“ zusammengefasst.

WELCHE KINDER WERDEN BÜCHERWÜRMER?

Die „Literacy“-Kompetenzen beginnen viel früher als bei dem Grundschulkind, das flüssig Texte lesen und schreiben kann. Sie gehen aber auch weit darüber hinaus. Wer einen Text fehlerlos vorliest und alle Sätze nach der Rechtschreibung korrekt schreibt, den Sinn des Inhalts jedoch nicht versteht, kann damit wenig anfangen. Die Chancen, dass ein Kind alle „Literacy“-Fähigkeiten entwickelt, hängen stark von seiner Lebenssituation und der sozialen Herkunft ab. Anna Fleth beschreibt günstige Voraussetzungen für künftige Bücherwürmer in ihrer Masterarbeit „Vorlesen in Familien“, die 2010 in der Schriftenreihe des „Zentrums für Literatur in der phantastischen Bibliothek Wetzlar“ erschienen ist. Ideal ist ein Zuhause, in dem Bücher ganz selbstverständlich dazu gehören: Wenn viele Bücher in den Regalen stehen, die Eltern oft lesen und in Bibliotheken und Buchhandlungen gehen. Es liegt nahe, dass sie dann auch ihren Kindern die Freude am Lesen vermitteln, mit ihnen über Bücher sprechen und ihnen Bücher schenken. Meist haben solche Eltern einen höheren Bildungsabschluss. Sie schauen mit ihren Kindern Bilderbücher an, lesen ihnen vor, erzählen ihnen Geschichten – und fördern sie umgekehrt auch darin, selbst zu erzählen und sich an Bücher heranzutasten. Ob, wie oft und was in einer Familie vorgelesen wird, hängt stark mit ihrem sozialen Hintergrund zusammen. Umso geringer der Bildungsabschluss und der berufliche Status der Eltern sind, umso niedriger das Einkommen der Familie ist, desto mehr sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind an Bücher herangeführt und früh fürs Lesen begeistert wird.

 

 

AUFWACHSEN OHNE VORLESEN

Dass Kinder ohne Bücher und Geschichten aufwachsen, ist keineswegs die Ausnahme, sondern weit verbreitet: Die bundesweite Studie „Vorlesen in Deutschland 2007“der Deutschen Bahn, der Wochenzeitung „Die Zeit“ und der „Stiftung Lesen“ kam zu Ergebnissen, die Leseförderer und Pädagogen aufschrecken ließen. Demnach lesen 42 Prozent der Eltern von Kindern unter zehn Jahren gar nicht oder nur unregelmäßig vor. Noch schlechter schneiden die Väter ab, zeigte sich in einer Folgestudie ein Jahr später: Nur ein Fünftel der Väter liest den eigenen Kindern vor, die meisten überlassen das ihren Partnerinnen. 55 Prozent der befragten Männer behaupten, sie hätten zu wenig Zeit zum Vorlesen, 38 Prozent finden, ihre Partnerin könne das besser als sie. 2010 folgte eine Studie zu Familien mit Migrationshintergrund, die zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommt: Demnach lesen in 36 Prozent der Familien die Mütter, in 12 Prozent die Väter ihren Kindern täglich vor. Eltern mit arabischem, russischem und osteuropäischem Hintergrund lesen deutlich mehr vor als Mütter und Väter, die aus der Türkei stammen. Fast die Hälfte der türkischstämmigen Eltern erzählen nie Geschichten, jedes dritte dieser Elternpaare liest nie vor. Und bisher fangen die Kindergärten den Mangel vieler Kinder in ihren Familien nur ungenügend auf: Nach den Studien erleben 37 Prozent aller Kinder in Deutschland nie, dass ihnen jemand vorliest. Sie werden weder im Elternhaus, noch im Kindergarten, noch später in der Grundschule durch spannende Geschichten mit Büchern vertraut gemacht.

 

KINDERGÄRTEN SIND GEFRAGT

Ganz klar: Erzieherinnen und Erzieher sind gefragt, damit alle Kinder die Chance haben, die wichtigen „Literacy“-Fähigkeiten zu entwickeln. Dieses Ziel ist in den Bildungsplänen für die Kindergärten in den meisten Bundesländern verankert. Für alle Fachkräfte im Kindergarten sollte es selbstverständlich sein, dass Vorlesen und Erzählen genauso zum Alltag gehören wie das Hinführen von allen Kindern an Bücher und generell an den Umgang mit Schrift und Geschriebenem. Wie lässt sich das umsetzen? Und was ist in welchem Alter sinnvoll? Das Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen informiert in seiner Broschüre „Wortschätze heben, Leselust beflügeln!“ über die Sprach- und Literacy-Entwickung und gibt Tipps zur Begleitung in den wichtigen ersten Jahren. Die wichtigste Botschaft ist: Die Grundlagen werden von Anfang an gelegt, auch schon in der allerersten Zeit. Bereits das Leben von Babys ist vom ersten Moment an geprägt von Stimmen, die es in seiner Umgebung hört, und von seinen eigenen Kommunikationsversuchen vom Schreien über das Lallen bis zum ersten Wort.

 LERNEN VON ANFANG AN

Schon sehr kleine Kinder lieben Reime, Rhythmen und Schlaflieder. Etwa ab dem siebten Lebensmonat fangen sie an, Erwachsenen aufmerksam zuzuhören und bestimmte bekannte Dinge an ihren Namen zu erkennen. Um den ersten Geburtstag herum sagen die meisten Kinder ihre ersten Worte. Dann geht es schnell, meist wächst der Wortschatz rasant – allerdings hat jedes Kind sein eigenes Tempo. Mit eineinhalb Jahren entwickeln Kinder die Handfertigkeiten, die sie brauchen, um einen Stift zu halten, bei ersten Kritzeleien probieren sie aus, was man mit Stift und Papier anstellen kann. In dieser Zeit schauen die meisten auch bereits gern gemeinsam mit Erwachsenen Bücher an, blättern selbst um und entdecken auf Bildern bekannte Dinge. Im Alter zwischen eineinhalb und drei Jahren werden Gespräche, Lieder, Wortspiele und das Anschauen von Bilderbüchern besonders wichtig. Dabei erweitern Kinder ihren Wortschatz, lernen die Grammatik ihrer Muttersprache und bilden ihre ersten Sätze. Sie fangen an, über eigene Erfahrungen und Erlebnisse zu sprechen, also selbst Geschichten zu erzählen – und zu verstehen. Wenn kleinen Kindern vorgelesen wird, lernen sie den Aufbau von Geschichten. Manche wollen immer wieder dasselbe Buch vorgelesen bekommen. Dabei werden sie nicht nur mit der Geschichte, sondern auch mit deren Bezug zu den Bildern, Wörtern und Buchstaben im Buch vertraut.

 

DAS KINDERGARTENALTER

Im typischen Kindergartenalter ab drei Jahren entwickeln Kinder immer größere Lust am Sprechen und an Geschichten. Sie hören nun auch längeren Geschichten zu, merken sich Reime und klatschen im Rhythmus zu Liedern. Sie lernen, in ganzen Sätzen zu sprechen. Viele erzählen am liebsten alles, was in ihnen vorgeht, sie denken laut und begleiten sämtliche Handlungen mit Worten. Beim Vorlesen fantasieren sie, was als nächstes in einer Geschichte passieren wird, sie vergleichen die Personen aus der Geschichte mit sich selbst und ihrem eigenen Leben. Im Vorschulalter mit fünf bis sechs Jahren verstehen Kinder auch komplizierte Sätze, können mit der Grammatik und den unterschiedlichen Zeitformen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umgehen. Sie können Anweisungen mit mehreren Schritten befolgen und sich 15 bis 20 Minuten lang auf eine Aufgabe konzentrieren: Zum Beispiel auf Geschichten, die nun immer komplizierter werden können. Am Ende der Kindergartenzeit können die meisten Kinder Wörter und Buchstaben unterscheiden. Sie erkennen einzelne Wörter, die sie oft gesehen haben, als würden sie diese lesen. Die meisten kennen einige Buchstaben. Und sie sind in der Lage, einfache Geschichten nachzuerzählen oder selbst zu erfinden.

 LITERACY-ENTWICKLUNG IM KINDERGARTEN

Was können Kindergärten tun, damit wirklich alle Kinder mit Büchern vertraut werden? Erzieherinnen und Erzieher sollten darauf achten, dass Kinder überall im Kindergarten auf Bücher stoßen, sie in die Hand nehmen und anschauen können. Bei gemeinsamen Besuchen in der Bücherei wählen die Kinder aus, was ihnen gefällt – und werden nebenbei auch ganz selbstverständlich mit der Bücherei vertraut. Viele Kinder fangen früh an, herumzukritzeln und sich dem Schreiben anzunähern. Für manche ist es faszinierend, wenn sie erfahren, dass es viele verschiedene Schriftzeichen in den unterschiedlichen Kulturen und Zeiten gab und gibt. Erzieherinnen und Erzieher können spielerisch solche Einblicke vermitteln. Ganz wichtig sind Vorlesrituale: an passenden Orten, zum Beispiel in einer Leseecke, und zu festen Zeiten. Rituale vermitteln Geborgenheit, Vertrautheit und Nähe. Das verstärkt sich, wenn sich Kinder beim Vorlesen auf den Schoß der Vorleser setzen können. Nicht nur deshalb sollte die Vorleserunde jeweils klein und überschaubar bleiben. Vorleserinnen und Vorleser müssen im Blick haben, wie die Kinder auf das Vorgelesene reagieren. Und sie sollten sie so viel wie möglich einbeziehen. Das Wichtigste ist, dass die Lautstärke und das Tempo stimmen, alle Kinder müssen gut verstehen, was vorgelesen wird. Anfangs können alle gemeinsam das Buch erst einmal von außen anschauen und über die Bilder auf dem Umschlag und im Buch sprechen. Die Vorleser fragen die Kinder, was in der Geschichte im Buch wohl passieren wird. Sie zeigen den Kindern, dass sie von links nach rechts und von oben nach unten lesen und dass unten auf jeder Seite eine Zahl steht. Das Zuhören macht am meisten Spaß, wenn die Vorleser verschiedene Stimmen einsetzen, am besten auch lustige und verrückte. Sie sollten so lebendig und deutlich wie möglich sprechen. Umso besser, wenn sie auch Gesten und passende Gesichtsausdrücke einsetzen und ein bisschen zu Schauspielern werden. Die Zuhörer können jederzeit unterbrechen und Fragen stellen. Zwischendrin und nach dem Ende der Geschichte ist Zeit für längere Gespräche und Diskussionen: Was hat den Kindern gefallen und was nicht? Wie hätte die Geschichte anders weitergehen können? Ist jemandem so etwas schon einmal im eigenen Leben passiert?

 

GEMEINSAM MIT DEN ELTERN

Am besten gelingt die Literacy-Förderung, wenn auch die Eltern sich beteiligen. Wie lässt sich die Kluft abmildern zwischen den Familien, bei denen Lesen und Vorlesen zum Alltag gehört, und denen, die ganz ohne Bücher auskommen? Am wichtigsten ist eine gute Kooperation zwischen Kindergarten und Eltern. Safak und Reyhan Kuyumcu haben als Mitarbeiter des Kieler Amts für Schule, Kinder- und Jugendeinrichtungen in mehreren Aufsätzen Anregungen gegeben – speziell bezogen auf Familien mit Migrationshintergrund, doch gut übertragbar auch auf alle anderen. Sie stellen fest, dass allein die Nachfrage, ob Eltern ihren Kindern vorlesen, bei ihnen einiges in Bewegung bringen kann: Dadurch werden sie hellhörig für das Thema. Das verstärkt sich, wenn sie erfahren, warum Bücher und Geschichten wichtig für die Entwicklung ihrer Kinder sind. Wenn Eltern daran interessiert sind, ist es ideal, wenn sie selbst zum Erzählen und Vorlesen in den Kindergarten kommen. Migranten lesen dabei in ihrer eigenen Sprache oder Bücher aus ihrem Herkunftsland vor. Auf jeden Fall aber können Erzieherinnen und Erzieher allen Eltern zeigen, was im Kindergarten geschieht: Welche Lieder, Reime, Sprachspiele und Bilderbücher zum Alltag gehören und was den Kindern daran gefällt. Gut ist, wenn Familien Bücher und anderes Material ausleihen und mit nach Hause nehmen können. Im Idealfall wird eine eigene Elternbibliothek eingerichtet, um die sich die Familien selbst mitkümmern.




 

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