Warum und worüber lachen Kinder?

Die Pädagogik des Lachens

Obwohl Kinder viel und gerne lachen, ist die Frage, worüber sie lachen noch spärlich erforscht. Bislang haben sich zwei Forschungsansätze herauskristallisiert: Während der sozialpsychologische Ansatz untersucht, welche Bedeutung der Humor für die soziale und emotionale Entwicklung des Kindes hat, arbeitet der kognitionspsychologische Ansatz auf der Grundlage der geistigen Entwicklung des Kindes.

Die Frage, ob Kinder bereits Humor haben, verneinte der Psychoanalytiker Sigmund Freud. Er ging aus von einer „Stimmung der Kindheit, in der wir das Komische nicht kannten, des Witzes nicht fähig waren und den Humor nicht brauchten, um uns im Leben glücklich zu fühlen.“ (Freud 1905, S. 193) Als Erste widmete sich die Freud-Schülerin und amerikanische Kindertherapeutin Martha Wolfenstein in ihrem 1954 erschienenen Buch Children´s Humour mit der Entwicklung des verbalen Humors bei Kindern. Darin vertritt sie den psychoanalytischen Standpunkt, dass es Aufgabe des Humors sei, den Kindern zu helfen mit Aggressionen, Ängsten und gesellschaftlichen Zwängen umzugehen und „a momentary release from frustration“, also eine vorübergehende Frustrationsbefreiung zu erreichen.

Etwa 10 Jahre später erschien eine Arbeit des Psycholinguisten Helmut Helmers, die sich ebenfalls mit dem verbalen Humor von Kindern beschäftigt. Darin erläutert er, dass die spielerische Wortproduktion und das komische Sprachrepertoire der Kinder vor allem eine sozialisatorische Bedeutung haben. Der verbale Humor übernehme – so meint Helmers – die Funktion des Einübens von sprachlicher und sozialer Ordnung. Und wenn das Kind lacht, zeige es seine Erleichterung darüber, dass sich diese Ordnung als stabil erweise.

Wenn Kinder sich gegenseitig zum Lachen bringen, so hat dies vielseitige Auswirkungen auf ihre soziale, emotionale Entwicklung: Sie lernen aufeinander zuzugehen, ihre Ängste abzubauen, Vertrauen zu anderen Menschen zu fassen, aggressionsfrei miteinander zu kommunizieren, kurzum sie lernen die sozialpsychologischen Grundlagen. Außerdem können sie die eigenen emotionalen Frustrationen humorvoll abbauen; z. B. wenn sie sich in der Sauberkeitserziehung über ihr Pipi lustig machen, so hilft ihnen der Humor, mit ihren Gefühlen der Peinlichkeit umzugehen.

Viele empirische Studien (McGhee 1979a/Kauke 1996/Berger 1998/Bönsch-Kauke 1999) widerlegen heute Freuds Ansicht, dass Kinder keinen Sinn für Humor haben. Kinder lachen besonders häufig, wenn sie spielen oder wenn sie ihre intellektuellen Fähigkeiten erfolgreich testen. Wer kennt es nicht, jenes strahlende Lächeln, wenn einem Kind nach langem Bemühen etwas allein gelingt. Der Humor des Kindes entsteht aus dem spielerischen Experimentieren mit neuem Wissen und ist somit Bestandteil seiner kognitiven Entwicklung. Kognitiv gesehen eröffnet Humor neue Perspektiven, regt die kreativen Potenziale an und lässt Altbekanntes in neuem Licht erstrahlen.

Der amerikanische Kognitionsforscher Paul McGhee geht davon aus, dass im Alter von ca. zwei Jahren eine intensive Entwicklung des kindlichen Humors einsetzt. Er hat sich wie kein anderer für diese Entwicklungsstufen interessiert. In seinem Buch Humour and children’s development (1967) unterscheidet er vier Stufen, die eng an die intellektuelle Entwicklungstheorie des Schweizer Entwicklungspsychologen Jean Piaget (1948) angelehnt sind:

Erste Humorstufe (ab ca. eineinhalb Jahren)

Nonverbale Verhaltensweisen, Sprache spielt noch keine Rolle

Inkongruentes (widersprüchliches) Handeln im Umgang mit Personen, Tieren oder Objekten, z. B. der Bär mit Hose oder das tanzende Brot im Fernsehen

Gegenstände werden behandelt, als wären sie andere, z. B. eine Banane dient als Telefonhörer

Zweite Humorstufe (ab dem zweiten Lebensjahr)

  • Inkongruentes Benennen (Fehlbenennungen) von Ereignissen, Objektnamen werden umgedeutet oder substituiert, z. B. der Löffel wird Schaufel genannt
  • Sprachliche Normen werden missachtet
  • Zunehmende kognitive Flexibilität

Dritte Humorstufe (ab drei bis sechs Lebensjahren)

  • Konzeptionelles Denken beginnt: Das Kind versteht, dass sich ein Wort nicht nur auf ein Objekt beziehen kann, sondern auch auf eine ganze Kategorie von Objekten, die sowohl gemeinsame als auch unterschiedliche Merkmale aufweisen
  • Erzählungen, die bekannte Konzepte auf den Kopf stellen, z. B. Lügengeschichten, lösen nun großes Gelächter aus
  • Experimentieren mit formalen Sprachmerkmalen, z. B. einzelne Buchstaben verdrehen z. B. rinks – lechts
  • Kreativer Umgang mit Sprache; Freude an Phantasiewörtern, Alliterationen (Stabreime) und Reimen

Vierte Humorstufe (ab dem siebten Lebensjahr)

  • Vergleichbar mit Piagets Intelligenzstufe der konkreten Operation, d. h. das Kind kann eine logische Beziehung von Ereignissen herstellen, ohne sie konkret wahrgenommen zu haben
  • Mehrdeutigkeit von Wörtern wird erkannt
  • Unsinnwörter, Sprachspiele, Scherzfragen und Witze werden interessant
  • Erster Schritt in Richtung des Erwachsenenhumors, da die sprachliche Mehrdeutigkeit erkannt wird und flexibles Denken möglich ist. Dies sind wichtige Voraussetzungen, um Wortschöpfungen und Witze zu verstehen

Auch wenn es zwischen den sozialpsychologischen und kognitionspsychologischen Forschungsansätze starke Unterschiede gibt, so betonen doch beide, dass die Humor­entwicklung des Kindes ein wichtiger Faktor in der Sozialisation zum Erwachsenen ist.

Schritt für Schritt erwirbt es die Fähigkeiten, die ein Mensch braucht, um Humor verstehen und genießen zu können. Als solche nennt die Verhaltensbiologin Dr. G. Haug-Schnabel (2002) von der Universität Freiburg:

  • Die geistige, soziale Entwicklung muss soweit fortgeschritten sein, dass das Humorvolle und Witzige als Abweichung von der Norm erkannt wird.
  • Man sollte wissen, dass nicht alles Gesagte ernst gemeint ist und dass mitunter Worte nur zum Spaß ausgetauscht werden. Man muss heraus hören, was eigentlich mit dem Gesagten, z. B. der Pointe gemeint war.
  • Innere Souveränität ist wichtig, man sollte über der Sache stehen und sich nicht persönlich betroffen fühlen.
  • Um schließlich lachen zu können, muss man die realitätsverzerrte Perspektive des Witzes oder des humorvollen Geschehens genießen können. Erst dann wird Humor zum Kitzeln des Geistes.

Literatur:

Freud, Sigmund: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten. Frankfurt a. M. 2001

McGhee,P.E.: Humour. Its origin and development. San Francisco 1979a

Haug – Schnabel, Gabriele: Kinder lachen gern. Was ErzieherInnen im Umgang mit Humor wissen sollten. In: Kindergarten heute 4 / 2002

Kauke, M.: Macht Kindheit heute noch Spaß? Beobachtungsstudien zum Humor unter Kindern im Schulalltag. In: Gruppendynamik 27/1996/4, S. 399–414

Berger, P.L.: Erlösendes Lachen. Das Komische in der menschlichen Erfahrung. Berlin, New York 1998

Bönsch-Kauke, M.: Witzige Kinder. Zur spielerischen Entwicklung von humorvollen Interaktionen zwischen sieben- bis zwölfjährigen Kindern durch kreative Techniken. In: Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie 31/1999/3, S. 101–115

Diesen Artikel haben wir aus dem Buch von Dr. Charmaine Liebertz mit dem Titel „Das Schatzbuch des Lachens“ entnommen. Das Buch ist bei Burckhardthaus-Laetare erschienen.

Das Schatzbuch des Lachens
Grundlagen, Methoden und Spiele für eine Erziehung mit Herz und Humor
Paperback, 208 Seiten
ISBN/EAN: 9783944548272
19,95 € (D), 20,50 € (A)

Mehr dazu auf www.burckhardthaus-laetare.de

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