Wenn Kinder oft unkonzentriert und abgelenkt sind

Erfolgreich durch die Grundschule

Ablenkbarkeit gehört zu den häufigsten Gründen, weshalb Kinder von ihren Eltern in Praxen und Instituten vorgestellt werden. Die Eltern wurden zum Beispiel von der Lehrerin auf Konzentrations-Probleme ihres Kindes aufmerksam gemacht. Oder sie haben selbst beobachtet, wie leicht sich ihr Kind von den Hausaufgaben ablenken lässt.

Erhöhte Ablenkbarkeit und Konzentrations-Probleme sind das Gleiche. Die Lehrer schildern das Problem meist so: „Ihr Kind lässt sich von allem ablenken, es schaut ständig zum Mitschüler, der hinter ihm sitzt, es kramt oft in seinem Schulranzen. Ihr Kind bekommt oft nicht mal die Fragestellung mit. Andere Kinder sind mit der Aufgabe schon halb fertig, bevor Ihr Kind überhaupt angefangen hat.“

Dabei ist es wichtig, sich die Situation genauer anzuschauen: Es gibt Kinder, die vom ersten Schultag an abgelenkt sind. Bei anderen Schülern dagegen bestand die Ablenkbarkeit schon vor Schulbeginn. Außerdem kommt es vor, dass die Problematik erst im Laufe der Grundschulzeit auffällt, etwa in der zweiten oder dritten Klasse.

Dann wiederum gibt es Kinder, bei denen die Ablenkbarkeit in den meisten Schulfächern vergleichbar stark ausgeprägt ist – und Kinder, bei denen ein Konzentrationsdefizit ausschließlich in bestimmten Fächern vorkommt. Das sind dann meist die wenig geliebten Fächer und die, in denen die Noten schwächer sind.

Bei manchen Kindern ist die erhöhte Ablenkbarkeit tagesformabhängig, bei anderen ist sie ständig zu beobachten.

Gründe für eine Über-Erregung des kindlichen Nervensystems
Es gibt viele Faktoren, durch die das Nervensystem von Kindern überreizt werden kann. Dazu können gehören:

  • Belastungen der Mutter während der Schwangerschaft:
    • Körperliche Belastungen, z. B. Infektionen, Gestose, die Einnahme von Medikamenten (Antibiotika, wehenhemmende Mittel)
    • Psychische Belastungen, z. B. Partnerschafts-Konflikte
  • Rund um die Geburt: z. B. Medikamentengabe während der Geburt, Besonderheiten bei der Geburt (Zangengeburt, Saugglocke, Kaiserschnitt), Verlegung des Neugeborenen auf die Intensivstation/Kinderklinik, Trennung von der Mutter
  • Körperliche Erkrankungen der Eltern: z. B. Migräne
  • Psychische Beeinträchtigungen: z. B. depressive Verstimmung, Ängste
  • Paarkonflikte der Eltern
  • Eltern-Kind-Konflikte
  • Geschwisterkonflikte
  • Als belastend empfundene Lebenssituationen: Kindergartenwechsel, Umzüge, Schulwechsel, Krankheiten von Familienmitgliedern, Verlust von Freunden oder Verwandten, Geburt von Geschwistern
  • Körperliche Faktoren beim Kind: z. B. Blockaden im Bereich der Halswirbelsäule, Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten, Impfreaktionen, Nährstoffmangel, Flüssigkeitsmangel

Auch wenn die Suche detailliert betrieben wird, kommt es vor, dass man keine offensichtlichen auslösenden Faktoren und Zusammenhänge findet. Wenn mögliche Ursachen für die Überreizung des kindlichen Nervensystems gefunden werden, bedeutet das noch nicht, dass sie ausschlaggebend für die Ablenkbarkeits-Problematik sind.

Eine erhöhte Ablenkbarkeit findet man in unterschiedlichen Ausprägungen:

  • Ruhiger Typ: Viele dieser Kinder suchen während des Schulunterrichts andere Beschäftigungen, z. B. Comic lesen, Stifte spitzen und ordnen, malen, aus dem Fenster schauen (und vorbei fliegende Vögel zählen). Diese Kinder verhalten sich in der Regel unauffällig und zurückhaltend und stören nicht den Unterricht. Das Hauptproblem liegt darin, dass der Schüler durch seine Ablenkbarkeit den Unterrichtsstoff verpasst und sich mündlich wenig beteiligt.
  • Impulsiver Typ: Hier sind die Kinder in der Regel lebhaft und zappelig. Sie können kaum eine Minute lang ruhig sitzen, rutschen auf dem Stuhl herum, stehen immer wieder auf, reden pausenlos während des Unterrichts, lenken Mitschüler ab, rufen ungefragt dazwischen und halten sich nicht an Klassenregeln. Dabei stören sie den Unterricht, mitunter auch massiv.

Erhöhte Ablenkbarkeit bereits vor Schuleintritt

Es ist ein Unterschied, ob ein Kind bereits im Kindergarten als leicht ablenkbar auffiel, oder ob die Ablenkbarkeit erst während der Schulzeit auftritt.
Im Kindergarten fällt die verkürzte Aufmerksamkeits-Spanne eines Kindes zum Beispiel am ehesten während des Stuhlkreises oder bei geführten Gruppenaktivitäten (wie Weben, Malen, Basteln, Puzzle legen) auf. Manchmal berichten Erzieherinnen, dass ein Kind immerzu zwischen den Aktivitäten wechselt und sehr wenig Ausdauer beim Spielen zeigt. Erschwert wird die Verhaltens-Einschätzung in Kindergärten, in denen es wenig Struktur gibt und überwiegend Freispiel angeboten wird. In dieser Gemeinschaft fällt ein leicht ablenkbares Kind kaum auf, weil es seine Beschäftigungen selbst wählen kann.

Frühe Zeichen für Ablenkbarkeit

  • Haben Sie Ihr Kind bereits im Kleinkind- und Kindergartenalter als leicht ablenkbar empfunden?
  • Kam es vor, dass Ihr Kind bei gemeinsamen Mahlzeiten am Tisch oft nicht mitbekommen hat, was gerade gesprochen wurde?
  • Zeigte es nur wenige Minuten Ausdauer beim Spielen oder suchte es sich häufig eine neue Beschäftigung?
  • War Ihr Kind immer schon besonders verträumt?
  • Konnte sich Ihr Kind oft zwei Sachen gleichzeitig nicht merken, z. B. dass es außer Brötchen auch noch vier Stück Kuchen beim Bäcker holen sollte?
  • Hatten Sie den Eindruck, dass Ihr Kind vergesslicher wirkte als gleichaltrige Kinder?

Eine Ablenkbarkeit, die bereits im Kleinkind- oder Kindergartenalter ausgeprägt war, kann durch die Schulsituation noch verstärkt werden. Bei einer Überreizung des Nervensystems, die schon vor der Schulzeit existierte, ist das Erregungsniveau des kindlichen Nervensystems sehr hoch. Entsprechend unruhig, nervös und unkonzentriert verhalten sich die Kinder dann in der Schule. Sie reagieren mitunter unwillig und gereizt. Eine erhöhte Ablenkbarkeit kann also Ausdruck eines längerfristig gestressten Nervensystems sein.

Erhöhte Ablenkbarkeit mit Schuleintritt

Bei vielen Kindern stellt sich ein Konzentrations-Problem erst während der Schulzeit ein. Es kann bereits in den ersten Schulwochen auftreten oder auch erst nach dem ersten Schuljahr.

Besonders bei Jungen kommt es häufiger vor, dass der Wechsel vom Kindergarten in die Schule eine hohe Anpassungsleistung erfordert. Viele Jungen erleben die Einschulung als Herausforderung und fühlen sich in ihrem Freiheitsdrang beeinträchtigt. In der Schule wird erwartet, dass sie stundenlang auf einem Stuhl sitzen bleiben, dass sie ruhig und aufmerksam zuhören, dass sie ordentlich und sauber schreiben und dass sie sich mit vielen neuen Mitschülern vertragen. Es kann mitunter einige Wochen oder Monate lang dauern, bis sich ein Kind an die neue Situation gewöhnt hat. Deshalb kann es vorkommen, dass die Konzentrations-Probleme anfangs nicht bemerkt werden.

Häufig kommt es vor, dass Jungen bei der Einschulung in ihrer feinmotorischen Entwicklung noch nicht so weit sind wie gleichaltrige Mädchen. Weil im Kindergarten ihr Interesse an Malen und Basteln meist noch nicht so groß war, fällt es ihnen anfangs schwer, den Stift richtig zu halten, Buchstaben zu schreiben, Zahlen zu malen, sauber mit Schere und Klebstoff zu arbeiten. Das kann die Aufmerksamkeit beeinträchtigen. Wenn die Umstellung vom Kindergarten auf die Schule die Hauptursache ist, nimmt die Ablenkbarkeit normalerweise in wenigen Wochen an Intensität ab – sobald sich nämlich die Anpassungs-schwierigkeiten gelegt haben.

Eine erhöhte Ablenkbarkeit kann auch durch einen Lehrerwechsel ausgelöst werden – etwa dann, wenn die Klassenlehrerin längere Zeit krank ist und Vertretungslehrer eingesetzt werden müssen. Das kann ein Zeichen dafür sein, dass der Schüler die Beziehung zur neuen Lehrperson als problematisch empfindet. Die Fähigkeit, sich gut zu konzentrieren und die Aufmerksamkeit ganz dem Schulstoff zu widmen, setzt voraus, dass das Kind sich in der Klasse mit Lehrer und Mitschülern sicher fühlt. Wenn die Lehrerin als übermäßig streng, ungerecht oder wenig einfühlsam für die Bedürfnisse der Schüler erlebt wird, kann das eine erhebliche Verunsicherung eines Kindes zur Folge haben. Diese Unsicherheit kann einen beträchtlichen Teil der Aufmerksamkeit des Schülers binden.

Es ist aber auch denkbar, dass die seit einem Lehrerwechsel aufgetretenen Konzentrations-Probleme weniger mit dem Wechsel zusammenhängen als mit der Tatsache, dass der Schulstoff schwieriger geworden ist.

Konzentration und Motivation

Immer wieder kommt es vor, dass Eltern in der Praxis erklären: „Mein Sohn hat eigentlich keine Konzentrations-Probleme, denn ich bekomme ja mit, dass er sich durchaus konzentrieren kann, wenn er sich für etwas interessiert.“ Wie passt das zusammen?

Es ist wichtig zu wissen, dass Konzentrations-Probleme bei Kindern immer motivationsabhängig sind. Das heißt, ein Kind kann sich gut konzentrieren, wenn es seine Beschäftigung selbst gewählt hat, wenn es zum Beispiel Lego baut oder mit dem Computer spielt. Dagegen kann es demselben Schüler schwer fallen, im Unterricht auch nur fünf Minuten lang bei der Sache zu bleiben – einfach, weil ihn das Thema nicht so sehr interessiert.  Konzentrations-Probleme von Kindern sind in der Regel nicht die Folge einer verminderten geistigen Leistungsfähigkeit. Die Konzentrationsfähigkeit der leicht ablenkbaren Kinder ist nur stärker motivationsabhängig als bei anderen gleichaltrigen Kindern.

Je nach Fach motiviert
Julian
, acht Jahre alt, zweite Klasse, arbeitet im Sachkunde-Unterricht gut mit –  ebenso in Mathematik. Dabei zeigt er Einsatzfreude, Leistungsbereitschaft, aktive Mitarbeit und trägt mit konstruktiven Ideen positiv zum Unterricht bei. Im Deutsch- und Englisch-Unterricht sieht das allerdings ganz anders aus: Hier zeigt er eine deutlich erhöhte Ablenkbarkeit, bleibt kaum ruhig auf dem Stuhl sitzen, äußert seine Unlust etwas mitzuschreiben und unterhält sich statt dessen lieber mit seinem Banknachbarn über die aktuellen Fußballergebnisse. Wenn die Klasse aufgefordert wird, eine schriftliche Aufgabe zu erledigen, braucht Julian ewig, bis er seine Arbeitsmaterialien einsatzfähig vor sich liegen hat. Mitunter haben seine Klassenkameraden bis dahin die Aufgabe schon halb fertig.

Es ist auch denkbar, dass die Motivation für ein Schulfach nichts mit dem Interesse am Fach zu tun hat, sondern von außen gesteuert wird. Zum Beispiel kann ein Schüler in einem bestimmten Fach sehr aufmerksam mitarbeiten, weil er seine Lehrerin besonders mag. Er möchte durch seine aktive Beteiligung am Unterricht ihre Zuwendung gewinnen.

Dagegen ist ebenso denkbar, dass dieser Schüler für seine Klassenlehrerin wenig Sympathie empfindet und es sich in seinen Augen nicht lohnt, sich für ein Lob von ihr anzustrengen. In diesem Fall ist der Schüler wahrscheinlich in den Fächern, die seine Lieblingslehrerin unterrichtet, ausgesprochen aufmerksam, in den Fächern seiner Klassenlehrerin dagegen ziemlich ablenkbar.

Mögliche Ursachen

Eine erhöhte Ablenkbarkeit hat meist mehrere Ursachen, die zur Entstehung und Aufrechterhaltung der Konzentrations-Probleme beitragen:

  • Teilleistungsstörung (Lese-/Rechtschreibschwäche und/oder Rechenschwäche)
  • Wahrnehmungsstörung (visuell und/oder auditiv)
  • Depressive Verstimmung
  • Anpassungs-Probleme nach einschneidenden Lebens-Veränderungen
  • Leistungsängste/Prüfungsängste
  • Angststörung
  • Schulische Überforderung
  • Schulische Unterforderung
  • Rechts-Links-Blockade
  • Blockaden im Bereich der Halswirbelsäule (z. B. KISS-Syndrom)
  • Nahrungsmittel-Unverträglichkeit
  • Flüssigkeitsmangel
  • Nährstoffmangel (Vitamine/Mineralstoffe/hochwertige Fettsäuren)

Diesen Artikel haben wir aus folgendem Buch entnommen:

Erfolgreich durch die Grundschule
Wie Sie Ihr Schulkind unterstützen und motivieren können
Birgit Sesterhenn/Katrin Edelmann
Oberstebrink
208 Seiten, 22,90 €
ISBN 9783934333437
Mehr auf www.oberstebrink.de



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