Nüsse machen schlau – eine Geschichte für den 1. Advent

Am Samstag vor dem 1. Advent holte Papa die Weihnachtskisten vom Dachboden. Die Kartons waren total verstaubt – und Papa nach dem Runtertragen auch. Auspacken durften Marcus und Luise: Lichterengel und Bergmann, die dicke Räucherfrau mit der Kloßschüssel in den Händen, den kleinen Schneemann mit aufgespanntem Regenschirm, die Krippen-Figuren für die große Pyramide und vieles mehr.

Währenddessen steckte Papa den Adventsstern zusammen. Als er die Hälfte der Zacken ineinander gefummelt hatte, stellte er sich mitten ins Zimmer, setzte sich den halben Stern auf den Kopf und reckte einen Arm in die Höhe, in der Hand eine lange Kerze haltend. Er sah aus wie die amerikanische Freiheitsstatue. Kater Max strich durchs Zimmer, beschnupperte dies und das und fand keine Ruhe. Advent ist wohl auch für ihn eine aufregende Zeit.

Ganz zuletzt kramten Marcus und Luise hervor, worauf sie sich am meisten gefreut hatten: den großen Nussknacker – einen König mit rotem Mantel, goldener Krone und schneeweißem Bart. Der Nussknacker-König brauchte einen eigenen Karton; noch voriges Jahr war er ein bisschen größer als Luise – nun hatte sie ihn überholt. „Das ist der Beweis“, stellte Marcus fest, „du wächst also doch“. Luise war sich nicht sicher, ob sie lachen oder fauchen sollte. Am besten tat sie so, als hätte sie die Stichelei ihres Bruders nicht gehört.

„Warum knacken wir eigentlich die Nüsse nie mit dem König?“, fragte sie Papa. „Das ist ziemlich schwierig“, antwortete der. „Besonders bei Kokosnüssen...“ (Das war wieder Marcus.) Papa redete weiter: „Beim Arbeiten mit dem Nussknacker kann man sich fix die Finger einklemmen.“ „Darf ich trotzdem mal probieren?“, bettelte Luise. „Meinetwegen. Aber nur eine Haselnuss. Und Vorsicht!“

Luise wühlte die dickste Haselnuss aus der Tüte und schob sie dem Nussknacker-König zwischen die Zähne. Dann drückte sie auf den Hebel in seinem Rücken – aber nichts tat sich. Sie strengte sich an und ächzte – der König biss auf die Nuss, aber er zerknackte sie nicht. „Lass mich mal ran“, sagte Marcus lässig und nahm die Sache in die Hand. Er fasste den Hebel und drückte – dann noch ein wenig mehr – dann richtig toll – plötzlich knallte es und Marcus hätte sich tatsächlich fast die Finger eingeklemmt. Kater Max hüpfte vor Schreck in einen Karton. Die Nuss war geknackt – und Marcus wendete sich stolz an Luise: „Halt die Hand auf. König Knackbert, der Kräftige, lässt den Nusskern hineinrollen.“ Luise hielt ihre Hand hin, Marcus zog den Hebel des Nussknackers nach oben – aber was König Knackbert, der Kräftige, in Luises Hand fallen ließ, war Nussbrei, gespickt mit Schalensplittern. „Wo ist der Kern?“, fragte Marcus erstaunt. „Zermatscht“, sagte Papa.

Am Nachmittag saßen die drei um den Küchentisch und knackten verschiedene Nusssorten fürs „Studentenfutter“. (Seltsame Bezeichnung: Papa erklärte es so: „Nüsse essen macht schlau.“ Deshalb wollte sich Marcus ab sofort zum Frühstück extradick Nuss-Nougat-Creme aufs Brötchen streichen...).

Jede Nuss, die versehentlich vom Tisch fiel, wurde von Kater Max sofort als Spielzeug genutzt. Er kullerte die Nüsse kreuz und quer durch die Küche, sprang hinterher und schlug sogar einen Purzelbaum, weil er zu spät abgebremst hatte. Kater Max veranstaltete alles Mögliche mit den Nüssen – nur zurück zum Tisch brachte er sie nicht. Er bugsierte sie unters Küchensofa, hinter den Kühlschrank, zwischen leere Flaschen. Hatte er sie gründlich versteckt, setzte er sich in die Nähe des Küchentisches und wartete auf die nächste herabfallende Nuss.

Die Haselnüsse und die Walnüsse knackte Papa mit der Nusszange. Marcus und Luise nahmen sich einen Berg Erdnüsse vor. Jede Erdnuss hat eine kleine „Nase“ – wenn man mit dem Daumen darauf drückt, springt die Nussschale ganz leicht auf. Meistens jedenfalls. Dann die Nusskerne herausrollen lassen (fast immer sind es zwei, aber Luise fand schon mal drei Kerne in einer Erdnuss!), die dünne rote Schale abreiben – fertig. Nur jeder zehnte Nusskern durfte in den Mund wandern, die anderen mussten auf den Teller gelegt werden. Das hatten die drei abgesprochen. Und Marcus zählte für Luise mit, denn bei ihr kam die zehn immer gleich nach der drei.

Eine Stunde später waren alle Nüsse geknackt. Papa lehnte sich zurück. „Hui – das hat Durst gemacht. Ich trinke erst mal ein Glas Wasser.“

„Und ich nehme Cola“, rief Marcus. „Und ich Kakao“, rief Luise. „Mooooment“, sagte Papa, „ich bin nicht euer Diener. Wenn ihr etwas trinken wollt, dann holt es euch selbst.“ Und zur Bestätigung schlug er mit der flachen Hand auf den Tisch. Nur – dummerweise traf Papa dabei aus Versehen den Rand des Nusstellers. Der Teller kippte blitzschnell nach oben und alle mühsam geknackten Nüsse hüpften auf den Tisch und von dort auf den Fußboden. Hunderte Nüsse kullerten durch die Küche. Papa war ganz bleich geworden, Marcus und Luise prusteten los – und Kater Max sprang sofort mitten zwischen sein neues, tolles Katzenspielzeug.

„Ach du dicke Kokosnuss!“ Papa konnte es nicht fassen, was er da angerichtet hatte. „Fix, helft bitte mit aufsammeln, ehe Max sämtliche Nüsse wegschleppt.“ Papa griff sich den leeren Teller und alle drei krabbelten durch die Küche. Kater Max kreiselte und knurrte und ballerte mit den Nüssen um sich. Papa versuchte, ihn einzufangen, aber Max war viel geschickter als er und ließ sich dieses Kullerspiel natürlich nicht vermiesen.

Im Wohnzimmer hatte Mama den Lärm des polternden Tellers gehört und wollte natürlich wissen, was passiert war. Als sie die Tür öffnete, sah sie Marcus und Luise unterm Tisch zwischen den Nüssen hocken. Und sie sah Papa hinter Kater Max herhetzen. Max hatte immer noch genügend Zeit, um unterwegs mit Nüssen zu kicken.

„Oh“, sagte Mama und kicherte, „das ist aber lieb von euch, dass Max mitspielen darf...“ „Na hallo!“ erwiderte Papa und gab es auf, Kater Max zu verfolgen. „Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.“„Hilfst du mit einsammeln?“, fragte Marcus.

„Ach nein.“ Mama winkte ab. „Spielt ruhig ohne mich.“ Sie ging wieder, wendete sich in der Küchentür aber noch einmal um und betrachtete ihre umherkrabbelnde Familie: „Und da wird immer behauptet, Nüsse essen mache schlau!“ „Bis jetzt haben wir ja kaum welche gegessen!“, entgegnete Luise. Mama nickte: „Man sieht´s!“ Und dann packte sie blitzschnell Kater Max und sagte zu ihm: „Lass die drei besser alleine weiterspielen. Kullerst bei mir im Wohnzimmer ein bisschen mit dem Wollknäuel.“

Studentenfutter

Zutaten: verschiedene Nusskerne (Erdnüsse, Haselnüsse, Cashewkerne etc.), Rosinen

Zubereitung: Nüsse knacken, mischen und essen.

Diese Geschichte haben wir aus folgendem Buch entnommen:

Das Kirchenjahr mit Kindern feiern
Ein Vorlesebuch mit lustigen Geschichten , Backrezepten und Spielen.
Reuter, Thomas
Burckhardthaus-Laetare
ISBN: 9783944548906
96 Seiten, 9,90 €

Mehr dazu auf www.oberstebrink.de



Zurück