Der Duft der großen weiten Welt

Heute Fremde morgen Freunde

In einer Zeit, in der überall auf der Welt in vielen Ländern Vertriebene und Flüchtlinge unterwegs sind, in der Ausländer schon länger bei und mit uns leben, in der Terroranschläge auch uns erreicht haben, gilt es spätestens, die, die bei uns Asyl und Aufnahme finden, in unserer Gesellschaft Platz finden zu lassen. Neben der Hilfe, die ihnen von vielen Seiten geleistet wird, geht es besonders auch darum, dass wir lernen, umzudenken. Und dieser Lernprozess muss schon bei den Kindern beginnen, denn es gibt kaum Orte und Schulklassen, an denen sich nicht schon länger oder erst jetzt ausländische Kinder befinden.

Viele Fragen sind vorhanden, die nur durch gegenseitiges Kennenlernen und Abbau von Vorurteilen zu klären sind. Befremdlich sind Sprache, Religion und Kultur, ja auch das Verhältnis der Geschlechter zueinander und vieles mehr.

Wir nähern uns dem  Ziel über die Nase, erfahren dabei erstaunliche Neuigkeiten über die Heilkraft von Gewürzen, Früchten und Gemüse, probieren Köstlichkeiten, die uns auf der Zunge zergehen, und erleben dabei, wie wohltuend Düfte und Öle für die Haut und das seelische Wohlbefinden sind.

Dadurch, dass jeder Einzelne etwas von sich preisgibt und uns auf seine persönliche Art seine Lieblingsfrüchte und Gewürze verrät, werden wir offen für die anderen. Das Fremde verschwindet mehr und mehr und das Vertraute schafft Raum für neues Vertrauen. Und dieses Vertrauen geht so weit, dass wir uns dem anderen anvertrauen und ihn an unsere Haut lassen. Das will einiges heißen. Bei einer Massage der Hände mit wunderbaren Aroma-Ölen kann jeder, der will, diese Erfahrung machen. Einiges beschreibe ich in diesem Kapitel und versuche es erlebbar zu machen, anderes probiert am besten jeder Gruppenleiter selbst aus, weil er seine Gruppe am besten kennt.

Ich kann dich gut riechen

Schauen wir mal, was dabei herauskommt. Wir fangen mit den wunderbaren bekannten und fremden Düften an. Im Volksmund heißt es: „Den kann ich gut riechen“, was ja nichts anderes bedeutet, als dass man jemanden gut leiden kann. Über den Geruchssinn geht unser erster Annäherungsversuch, ausgehend von den Wohlgerüchen der Gewürze und Speisen, weiter zu Rosmarinwasser und anderen Duftstoffen bis hin zu Duftkissen. Auf geht die duftende Reise.

Es gibt Düfte und Gewürze, die wir sofort mit einem bestimmten Land verbinden: Den Duft des guten Espressos mit Italien, Knoblauch generell mit südlichen Ländern wie Griechenland, Italien, der Türkei oder mit arabischer Küche, Curry mit Indien, Bier mit Deutschland, Croissants mit Frankreich, die Liste kann beliebig weitergeführt werden. Was wissen wohl die Kids über Gewürze? Was ist typisch für ihr eigenes Land und welches ist ihr Lieblingsgewürz?

Die erste Aufgabe heißt also, mehr über dieses Lieblingsgewürz herauszufinden. Wie werden die Kinder diese spannende Aufgabe lösen? Werden sie Bücher wälzen, ins Internet gehen, die Eltern oder Großeltern befragen? Die Ergebnisse stellen sie dann den anderen nicht in einem langweiligen Vortrag vor, sondern auf möglichst interessante Weise, wobei sie am Anfang erst einmal mitteilen, woher sie ihre Kenntnisse haben. Dadurch lernen die anderen nicht nur einen interessanten Zugang zur Informationsbeschaffung kennen, sondern erfahren auch etwas über das jeweilige Kind, wie es denkt und arbeitet – auch von den Arbeitsmethoden der anderen kann man ja bekanntlich lernen.

Die Ergebnisse sind sehr vielseitig und höchst informativ. Am Anfang merken die mutigen Ersten, dass es gar nicht so einfach ist, vor einer Gruppe frei zu reden. Der begleitende Erwachsene hat dabei die Aufgabe, eine Atmosphäre zu schaffen, in der jeder Mut hat, frei zu reden, und in der keiner Angst davor haben muss, ausgelacht zu werden, wenn er anfangs ins Holpern gerät oder den Faden verliert. Wenn am Anfang gesagt wird, dass es vollkommen in Ordnung ist, zu stocken und dass die anderen davon profitieren, indem sie von den ersten Mutigen lernen, nimmt das nicht nur die Angst zu versagen, sondern schafft auch ein heldenhaftes Gefühl. Bestimmt wird der Mut auch noch durch einen dicken anerkennenden Applaus honoriert. Es ist sehr spannend mitzuerleben, wie unterschiedlich die Kinder „ihre“ Gewürze präsentieren. Ob sie danach die tägliche Leistung ihrer Gruppenleiter oder Lehrer anders anerkennen werden? Wer weiß, wäre doch ein netter Nebeneffekt, oder?

Liane und der Holunder

Liane wohnt noch nicht so lange hier. Sie kommt aus München und hat eine Heilpflanze gewählt, die gar nicht mehr so bekannt ist: den schwarzen Holunder. Sie erzählt, dass sie sofort als sie die Aufgabe hörte, an ihre Oma denken musste, bei der sie als kleines Kind oft die Ferien verbracht hat. Die Oma wohnt in der Lüneburger Heide und dort hat Liane die Pflanze in allen Reifestadien kennengelernt und auch miterlebt, was die Oma aus dieser Wunderpflanze gezaubert hat. Ihr fiel gleich ein, dass die Oma von dem Busch erzählt hat, er könne Hexen abwehren. Für Liane, die als Kind immer Angst hatte, eine Hexe könne sie wie bei Hänsel und Gretel gefangen nehmen, war dies eine ungeheure Beruhigung.

Aber Oma und die Frauen aus der Nachbarschaft haben auch Holundersekt aus den Blüten hergestellt. Liane kann sich noch gut an die kichernden Frauen erinnern. Schön war es als kleines Kind. Die eine Nachbarin hat die Rinde des Busches als Sud aufgekocht und schwor, dass der bei Verstopfung zum Abführen verhelfe. Liane hat auch ein Puppenkleid mitgebracht, das sie damals mit den Beeren eingefärbt hat – etwas blasser ist die lila Farbe mittlerweile schon geworden. Sie hat es extra vom Speicher geholt, weil sie ja mit Puppen eigentlich schon lange nicht mehr spielt.

Aber das Leckerste war immer, wenn sie im Frühjahr zur Blütezeit bei der Oma war. Dann haben sie nämlich die Blütendolden in Pfannkuchenteig getunkt und im heißen Fett knusprig gebacken – eine Köstlichkeit, die sie mit den anderen in der Gruppe jetzt teilen möchte. Liane hat am Bahndamm Holunderbüsche entdeckt und konnte ihr Glück nicht fassen, als sie entdeckte, dass der Strauch gerade blühte. Sie hat einen Strauß voll Blütendolden mitgebracht, aber auch einen Zweig, damit die anderen die Blätter näher betrachten können, außerdem ein Foto, auf dem sie als 6-Jährige unter dem Holunderbusch hockt und in die Kamera lacht, den Mund wunderbar verschmiert vom Saft der lila Beeren, die nackten Arme mit lila Streifen verziert und die dunkellila gefärbten Hände streckt sie, zu Krallen geformt, dem Fotografen entgegen. Auf dem Bild sind die schwarzen Beeren ganz deutlich zu erkennen, obwohl natürlich jeder erst einmal Spaß an der lila „Tigerstreifen-Lilly“ hat. So kennt man sie ja überhaupt nicht, sie ist heute immer so perfekt gekleidet. Liane hat auch die Zutaten für den Pfannkuchenteig mitgebracht, der jetzt hergestellt wird.

Hollerküchlein

Zutaten für ca. 20 Dolden:
6 Eier, 1 Tasse Zucker, 3 Tassen Mehl und 1 Tasse Milch, eventuell Holunder-Kirschmarmelade
Material:
Schüssel, Schneebesen, Küchenrolle, Fett zum Ausbacken, tiefe Pfanne oder Fritteuse, Küchensieb, Löffel, Messer

Die Zutaten werden mit dem Schneebesen in einer Schüssel zu einem dickflüssigen Teig verrührt, die Blütendolden in den Teig getaucht und im heißen Fett in der Pfanne oder in der Fritteuse ausgebacken, bis der Teig hellbraun ist. Dann werden sie mit dem Sieb aus dem Fett gefischt und auf dem Küchenkrepp zum Abtropfen ausgebreitet. Ganz frisch und warm schmecken sie natürlich am besten. Liane hat dazu noch ein Glas Holunder-Kirschmarmelade mitgebracht. Wenn Teig übrig bleibt, können daraus auch kleine Pfannkuchen gebacken werden, die, mit Holunder-Kirschmarmelade bestrichen, köstlich schmecken.

Das war ja ein wunderbarer Anfang. Vielen Dank Liane, dass du deine Kindheitserinnerungen mit uns geteilt hast. Ob sie ab heute Tiger-Lilli heißen wird?

Isa und die Iris

Isa kommt aus Syrien und hält einen Strauß lila und gelber Iris in den Händen, eine besondere Wurzel und ein kleines Glas mit einem geheimnisvollen Pulver. Außerdem hat er eine Landkarte und Fotos mit, auf denen seine Großeltern und Urgroßeltern zu sehen sind, die noch in Syrien leben.

Seine Mutter hat erst saisonweise beim Bauern als Erntehelferin gearbeitet, dann eine feste Anstellung auf dem Bauernhof bekommen, wo er mit seinen beiden Schwestern jetzt auch wohnt. Sein Vater ist im Krieg an den Folgen einer Schusswunde gestorben. Isa ist auf dem Land aufgewachsen. Seine Familie hatte lange Zeit keinen Fernseher, bei ihnen wurden abends noch oft Geschichten erzählt. Sie wohnten mit den Großeltern und Urgroßeltern in einem Haus an einem See, an dessen Ufer gelbe und lila Iris wachsen, eben die Blumen, die er heute aus einem Blumenladen mitgebracht hat. Oft kamen Nachbarn auf einen kleinen Schwatz vorbei, es wurden Neuigkeiten ausgetauscht, die Bänke vor dem Haus und im Garten waren ein beliebter Treffpunkt und oft besetzt. Besonders der Urgroßvater konnte wunderbare Geschichten erzählen. Als der Nachbar mit der Nachricht kam, dass Krieg ausgebrochen sei, blickte der Urgroßvater Zaid auf die Blumen am See und erzählte die Geschichte, die Isa jetzt den anderen weitergibt. Isa wohnt noch nicht so lange in Deutschland, spricht aber schon sehr gut Deutsch. Trotzdem hat er heute einen Übersetzer mitgebracht, weil er die Geschichte „richtig“ erzählen will.

Der Krieg, der nie stattfand

Vor langer, langer Zeit lebten zwei kleine Völker friedlich nebeneinander. Ihre Länder waren von einem großen See getrennt, in dem es von Fischen nur so wimmelte. Obwohl es genug Fische gab, um beide Völker satt zu machen, geriet man eines Tages darüber in Streit. Sie konnten sich nicht darüber einigen, wer, wo, wann, wie viele Fische fangen durfte. Der Streit wurde so heftig, dass sie sich sogar den Krieg erklärten. Alle putzten ihre Waffen, die schon so lange ungenutzt herumlagen, putzten sie blitzblank und prahlten dabei ob der Heldentaten, die sie vollbringen würden. Dass im Krieg nicht nur der „Feind“, sondern auch sie selbst getötet werden könnten, daran dachten sie nicht, dafür waren sie viel zu begeistert. Nur die Frauen dachten daran, sie klagten und weinten und versuchten die Männer zur Einsicht und zur Vernunft zu bewegen, aber das Reden war umsonst. Die Männer waren viel zu sehr von sich überzeugt und steckten sich gegenseitig an mit ihren Reden von Verteidigung des Vaterlandes, von Ehre und anderen leeren Worthülsen, die keiner in seiner Begeisterung durchschaute. Außerdem hatte der König Krieg befohlen, also wurde der Befehl gehorsam ausgeführt.

Es lebten dort zwei junge Mädchen, eines in dem einen, eines in dem anderen Land. Beide wollten ihre Freunde nicht im Krieg verlieren, versuchten sie zu überreden, sich zu verstecken, sich zu weigern oder in ein anderes Land zu fliehen, aber alles Reden hatte keinen Zweck. So gingen die beiden Mädchen an den See, dorthin, wo ihre Länder aneinander grenzten, setzten sich ans Ufer, klagten sich gegenseitig ihr Leid und weinten. Sie sahen den Grund für den Krieg nicht ein, wimmelte es im See doch weiterhin von Fischen, war Nahrung für alle im Überfluss da – es brauchte doch nur, wie immer, friedlich geteilt zu werden. Doch sie sahen keine Möglichkeit, den sinnlosen Krieg zu verhindern.

Da erschien auf einmal eine Elfe, die Mitleid mit den beiden hatte und auch nicht wollte, dass ihr Reich hier am See durch einen törichten Krieg zerstört würde. Sie bat die Mädchen, ihr zu vertrauen, ein paar Tage geduldig abzuwarten und zu schauen, was geschehen würde. Voller Hoffnung und Zuversicht gingen die beiden jungen Mädchen wieder in ihre jeweilige Heimat zurück.

Am nächsten Morgen standen sich die beiden Heere am Ufer des Sees gegenüber. Die Sonne ging gerade auf und ließ die blank geputzten Rüstungen und Waffen im Sonnenlicht blitzen. Die Kriegstrompeten bliesen zum Aufbruch und schon rasten die Krieger aufeinander zu, in wilder Erwartung, den Feind niederzustechen. Aber in dem Augenblick, als sie zustießen, verwandelten sich ihre Schwerter und Degen in Blumen, die zwar immer noch wie Schwerter aussahen, aber keinen mehr verletzen konnten. Der Knauf des Schwertes war bei den Kriegern des einen Landes lila, bei den anderen gelb, die Klinge selbst war ein dicker Stängel.

Die Frauen, die voller Sorge den Kampf aus der Ferne beobachteten, frohlockten, aber ihre Hoffnung, dass die Männer durch diese Verwandlung zur Vernunft gebracht würden, wurde schnell zunichte gemacht. In blanker Wut rasten die Männer mit geballten Fäusten aufeinander zu und wollten sich gegenseitig niederschlagen. Aber sie hatten nicht mit der klugen Elfe gerechnet. Mitten im Schlag hielten sie plötzlich inne und legten ihre Hände an die Wangen und dann ging das große Jammern los. „Au, au, mein Zahn! Oh, tut das weh! Oh, ich hab so große Schmerzen!“ Jammernd zogen die Heere nach Hause, allen voran die Könige, die natürlich auch nicht vom Zahnweh verschont blieben.

Tagelang hielten diese Schmerzen an, bis auch das letzte Großmaul und der hartnäckigste Krieger zahm und kleinlaut war und sich alle nur noch eins wünschten: Gesundheit und Frieden. Da hatte die Elfe Erbarmen mit den schmerzgeplagten Männern und rief die beiden Mädchen zu sich an das Ufer des Sees, wo die verwandelten Schwerter nun als Blumen blühten. Die Elfe trug den Mädchen auf, die Wurzeln der Blumen auszugraben und den Männern zu bringen. Sie sollten längere Zeit darauf kauen. Und siehe da, das Zahnweh ließ nach, war bald darauf ganz verschwunden. Alle wurden wieder gesund und waren froher Dinge. Voll Dankbarkeit dafür, dass die Elfe sie vor großem Unheil bewahrt hatte, gaben sie den Blumen den Namen der Elfe: Iris. Wenn bei kleinen Kindern die Zähnchen durch das Zahnfleisch wollen, gibt man ihnen auch heute noch die Wurzeln, damit sie kräftig darauf beißen können. Und wenn man die Wurzeln zu einem feinen Pulver reibt, hilft dies auch heute noch bei schmutzigen Wunden, wie sie zum Beispiel Schwerter schlagen.

Er gibt bei den letzten Sätzen die Wurzel und das Gläschen mit dem Pulver herum. Die anderen reichen es schweigend weiter. Sie alle wissen, dass sein Vater im Krieg gestorben ist. „Hätten die Anführer des Krieges doch nur auch solche Zahnschmerzen bekommen!”, sagt Armina leise. Der Junge sagt nichts darauf, schaut sie nur an und nickt. Er hat verstanden: Seinen Vater kann er nicht zurückbekommen, aber das Mitgefühl der anderen tut gut.

Diesen Artikel haben wir aus folgendem Buch entnommen:

Heute Fremde Morgen Freunde
Integration in der Kindergruppe praktisch fördern
Hasenbeck, Maya
Burckhardthaus-Laetare
ISBN: 9783944548296
12,95 €

Mehr dazu auf www.oberstebrink.de



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