Zum Umgang mit Kindern mit besonderem Förderbedarf

Inklusive Erziehung in Krippe, Kita und Grundschule

© Ingo Bartussek/Fotolia

Heilpädagogische Grundlagen und praktische Tipps im Geiste Janusz Korczaks

Inklusion ist eine der größten und wichtigsten Herausforderungen, vor denen Pädagogen und Pädagoginnen heute in der Praxis stehen. Pädagogisches Wirken beginnt bei der pädagogischen Fachkraft. Hilfreich für deren Arbeit sind Fallbeispiele, konkrete Tipps und Hilfestellungen zum Umgang mit Kindern mit besonderen Bedürfnissen, praxisgerecht, leicht verständlich und direkt umsetzbar.

Das Kind auf dem Weg seiner Selbstfindung einfühlend verstehen und begleiten

Das pädagogische Interesse in der Beziehungssituation

Nicht in der Beschleunigung der kindlichen Entwicklung durch Orientierung des Lernens am künftigen Erwachsenenleben besteht Korczaks pädagogisches Interesse. Das Interesse ist vielmehr darauf gerichtet, das Kind in der Beziehungssituation im Prozess der Entwicklung und Selbstfindung zu verstehen, zu begleiten, zu leiten und zu schützen. Da pädagogische Beziehungen Austauschprozesse zwischen Kindern und Erwachsenen sind, lernen ebenso die Erwachsenen von den Kindern. Bei dieser dialogisch gestalteten Erziehungssituation (Liegle 2013) darf es nicht um eine „Fastfood-Pädagogik“ gehen, die gleich die richtige Lösung parat hat und die Entwicklung durch gezieltes Eingreifen lenken will. Alle Anzeichen der Kindheitswissenschaften weisen darauf hin, dass ein Eingreifen von außen die schöpferischen Wachstumsprozesse des Kindes stören.

Diese achtsame Beziehungspädagogik pflegten die ersten Heilpädagogen und Heilpädagoginnen. (Buchka/Grimm/Klein 2002) Ihrem Handeln ging es um ein gutes Leben des behinderten, ausgegrenzten oder benachteiligten Kindes zusammen mit anderen Menschen. Damit entsprachen sie dem ursprünglichen Bedürfnis der Eltern, die ein bedingungsloses Ja zu ihrem Kind sagten. Das professionelle und elterliche „Ja“ zu jedem Menschenkind wird heute durch das Recht auf Inklusion in allen Lebensbereichen eingefordert: Unabhängig von bestimmten Merkmalen hat nun jedes Kind das unveräußerliche Recht, zusammen mit anderen Kindern zu leben, zu lernen, zu spielen und zu arbeiten. Das Menschenrecht auf Inklusion stellt die pädagogische Fachkraft vor konkrete Anforderungen: Sie hat jedem Kind seine individuelle Entwicklung zu ermöglichen, es bedürfnis- und bedarfsgerecht zu unterstützen und mit ihm die gemeinsame Lernsituationen zum Wohle aller Kinder der Gruppe zu gestalten. Gefragt ist ihre vertiefte pädagogische Kompetenz. Reflektierte inklusive Praxis pflegt die gute Erzieherin. Sie kann

  • sich das beobachtete Phänomen mithilfe von Kriterien – allein oder im Team – transparent machen,
  • sich die gemachten Erfahrungen, die im Erfahren selbst verankert sind, als authentische vergegenwärtigen,
  • ihre Erfahrungen in einer skeptischen Haltung gegenüber der eigenen Interpretationsleistung kritisch reflektieren und
  • durch weitere Erfahrungserkenntnisse anreichern – und auch neue Forschungen initiieren.

Ihre reflektierte Praxis oszilliert (bewegt sich) zwischen Nähe und Distanz, zwischen Empathie und Reflexion. Sie ist in einem nie endenden Prozess der methodischen Fragestellung aufgegeben. Es geht hier um Erkenntnisse und Einsichten durch Reflexion der Erfahrungen, in denen das Kind als Subjekt seines Seins und Werdens beobachtet wird und die ein Deuten und Verstehen und eine Pädagogik der „gemeinsamen Daseinsgestaltung“ (Kobi 2004, S. 74) ermöglichen. Hier stehen die Haltung und das pädagogische Handeln im Fokus und werden intersubjektiv geprüft und evaluiert (beurteilt, bewertet). Dieses Nachdenken ermöglicht im Verständnis des Schweizer (Heil‑)Pädagogen Paul Moor das Gegebene (das, was ist) zum Aufgegebenen (zu dem, was hier und heute werden kann) und letztlich auch zum Verheißenen (zu dem, was schon keimhaft angelegt ist und im Inneren des Kindes werden kann) zu wandeln.

Situationsorientiert begleiten und unterstützen

Die Kindertagesstätte – ein Ermöglichungsraum für alle Kinder

Diese professionelle Arbeit in der inklusiver werdenden Kindertageseinrichtung als „Ermöglichungsraum für alle Kinder“ (Klein 2012, S. 15 ff.) braucht die situationsorientiert handelnde pädagogische Fachkraft, die sich an den Bedürfnissen und Bedarfen des individuellen Kindes (mit seinen Kompetenzen und Ressourcen, mit seinen Problemen, Einschränkungen und Nöten) und an dem Bildungsgegenstand (mit seinen Werten und Normen) orientiert und dem Kind Wohlbefinden im menschlichen Mit- und Füreinander er-
möglicht. Diese individualisierte Erziehung, der große Schweizer Pädagoge und Sozialreformer Pestalozzi (1746 – 1827) nannte sie „Individualbesorgung“, erfolgt in der einfühlend zu gestaltenden Beziehungssituation, die ein wechselseitiges Lernen in den drei Aufgabenfeldern „Betreuung, Erziehung und Bildung“ ermöglicht. Christel Spitz-Güdden, Fachkraft für den von Armin Krenz begründeten situationsorientierten Ansatz, Referentin in der Aus- und Fortbildung und Herausgeberin des Praxishandbuches Elementarpädagogik, beschreibt diesen gesetzlich verankerten Auftrag folgender-
maßen:

Beim Betreuungsauftrag ist „treu sein“ geboten: Die pädagogische Fachkraft ist aufgefordert, den ihr anvertrauten Kindern ein Beziehungsangebot zu machen. Treu sein bedeutet hier, eine zuverlässige Partnerin zu sein, den Kindern wertschätzend, respektvoll und achtsam zu begegnen. Hier ermöglicht sie dem Kind, eine Bindung aufzubauen, die Voraussetzung für nachhaltige Bildung ist. Konkret im Alltag bedeutet das:

  • „Gemeinsam mit Kindern Situationen durchstehen, in denen die Kinder Hilfe und Beistand eines Erwachsenen brauchen,
  • Versprechen einhalten,
  • Kinder in Situationen nicht allein lassen, in denen sie sich einsam fühlen,
  • mit Kindern eine Freundschaft eingehen, sodass sie pädagogische Fachkräfte als Fürsprecher und als Bündnispartner erleben,
  • Anwalt des Kindes sein, zuverlässiger Ansprechpartner sein, sodass Kinder Sicherheit erleben,
  • eine Atmosphäre der Achtung und Wertschätzung als Basis allen Handelns (Umgangskultur) schaffen,
  • für feste, für die Kinder überschaubare Gruppen sorgen, da nur so Treue erlebt werden kann.“ (Spitz-Güdden 2017, S. 5)

Beim Bildungsauftrag darf nicht eine funktionsorientierte Wissensvermittlung an erster Stelle stehen, sondern vielmehr die Persönlichkeitsbildung, „die wiederum die Vernetzung von Fertigkeiten und Fähigkeiten mit Wissen sowie eine Verinnerlichung gelebter Verhaltensweisen darstellt.“ „[Bildung] geht einher mit Merkmalen wie Neugierde, Interesse, Motivation und Auseinandersetzung mit bekannten und unbekannten Dingen. Durch diese Auseinandersetzung mit der Welt und sich selbst wird das Erleben religiöser, sittlicher, künstlerischer und wissenschaftlicher Werte unterstützt.“ (ebd., S. 6)

Beim Erziehungsauftrag geht es darum, „Kinder im eigenverantwortlichen Handeln zu unterstützen, damit sie ein Teil der gesellschaftlichen Gemeinschaft werden. Dies beinhaltet die emotionalen und sozialen Aspekte der Persönlichkeitsbildung eines Kindes. Kindern zu ermöglichen, in eine Verantwortung für sich selbst und für die Gemeinschaft hineinzuwachsen, geht nur über Personen, die Kindern Vorbild und treue Partner sind“ (ebd. S. 6) – und Selbstbildung pflegen.

Selbstbildung der Erzieherin

Die Arbeit an sich selbst wird aber erst dann gelingen, wenn der beruflich Tätige in den Augen des Kindes seine „eigene Ohnmacht wahrnimmt“ (Korczak 1978, S. 103), bereit ist mit dem Kind zu fühlen und mit anderen Erwachsenen, mit Eltern, dem Team der Einrichtung und anderen Professionellen ein offenes Gespräch zum Wohle des Kindes führt. Auf diese Selbstbildung oder Selbsterziehung macht Paul Moor in seiner dritten heilpädagogischen Grundregel aufmerksam.

Der Selbsterziehung widmet Paul Moor das abschließende Kapitel seiner „Heilpädagogik“ (Moor 1999, S. 284–296), das in weiser Vorausschau den inklusionsorientierten Untertitel „Ein pädagogisches Lehrbuch“ trägt. Dem Kapitel seines heilpädagogischen Grundlagenwerkes stellt Moor ein Zitat von Martin Buber, dem Begründer des „Dialogischen Prinzips“, voran:

  • „Bei sich selbst beginnen, aber nicht bei sich enden;
  • von sich ausgehen, aber nicht auf sich abzielen;
  • sich erfassen, aber sich nicht mit sich befassen.“ (zitiert nach Moor 1999, S. 284)

Das Für- und Miteinander hat tiefe Wurzeln

„Wer auf der Linie bisheriger Trennungen zwischen dem Eigenen und Fremden weitermacht, produziert Immunverlust nicht nur für andere, sondern auch für sich selbst.“ (Sloterdijk 2009, S. 713)
Peter Sloterdijk, maßgebender Kulturkritiker der Gegenwart, weist in dem Zitat auf eine menschliche und soziale Gegebenheit hin, die zur gemeinsamen Übung der menschlichen Vernunft herausfordert.

Eva Kittay, Mutter der schwerbehinderten Tochter Sesha, nimmt bei Sesha „tiefgehende persönliche Beziehungen“ zu jenen Menschen wahr, die sie pflegen und begleiten. Die Qualität des Lebens und Lernens ihrer Tochter hängt von der Qualität der Beziehungen zu anderen Menschen ab. Sesha braucht Liebe und Wertschätzung, Zuwendung und Hilfe. Frau Kittay sieht in der Liebe, die aus den Beziehungen der Abhängigkeit hervorgeht, „eine reiche und unentbehrliche Quelle“, die „unser Menschsein ausmacht.“ (Kittay 2009, S. 156 ff.) Das Menschsein in der Liebe, oder – modern gesprochen – das solidarische Miteinander hat tiefe Wurzeln. Die Wurzeln sind im Menschen angelegt und weisen auf das Du hin. Diese dialogische Beziehungsgestaltung überwindet den Immunverlust und stärkt das leibliche und seelisch-geistige Wohlbefinden der Menschen. Das hat Sloterdijk im Auge.

Diesen Artikel haben wir aus folgendem Buch entnommen:

Inklusive Erziehung in der Krippe, Kita und Grundschule
Heilpädagogische Grundlagen und praktische Tipps im Geiste Janusz Korczaks
Klein, Prof.Dr. phil Ferdinand
Oberstebrink
ISBN: 9783963046018
19,95 €

Mehr dazu auf www.oberstebrink.de



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