Besondere Begabungen erkennen und fördern

von Madeleine Majunke

Kinder mit einer Hochbegabung müssen mit ihren besonderen Denkstrukturen angenommen und adäquat unterstützt werden. Das gilt für das Elternhaus gleichermaßen wie für Kindergarten und Schule.

Sascha darf seiner Mama beim Plätzchenbacken helfen. Vanillekipferl - familienintern "Halbmondkekse" genannt - sollen es werden, aber die Fingerchen des Dreijährigen bringen die mürbe Keksteigmasse nicht in die richtige Form. Mit zorngerötetem Gesicht dreht er aus dem Teig eine Kugel, haut mit der Faust darauf und sagt: "Mama, ich mache lieber Vollmondkekse!" Mit dieser Geschichte fragte eine Großmutter um Rat, die befürchtete, dass ihr Enkel keine Anstrengungsbereitschaft besitze und den Weg des geringsten Widerstands einschlüge. Es war schwer, ihr begreiflich zu machen, welche kreative Leistung hinter den "Vollmondkeksen" steckt und dass der junge Mann sich wohl auf einem guten Weg befindet. Entwicklungsvorsprünge hochbegabter Kindersind bereits im Vorschulalter beziehungsweise im Kindergarten gut erkennbar, wenn nur die Wahrnehmung der Erwachsenen - Eltern, Großeltern und Erzieher - entsprechend geschult ist. Hochbegabte Kinder begreifen schnell, sehen komplexe Zusammenhänge und sind kreativ. Um diese Begabungen voll entfalten zu können, ist ein Umfeld von nöten, das das Kind mit diesen besonderen Denkstrukturen annimmt und es angemessen unterstützt.

In Gesprächen mit ratsuchenden Eltern von sehr jungen Kindern, die sich aber schon durch außergewöhnliche Interessen auszeichnen, raten wir zumeist zur "Förderung auf Verdacht", d.h. dazu, dem Kind das geistige Futter anzubieten, das es fordert. Dabei sind die Altersangaben auf Spielen oder Büchern nicht immer hilfreich, weil ein 16er-Puzzle für manches Kind einfach keine Herausforderung mehr bietet und hier der Griff zum 100er-Puzzle anzuraten ist.

Wird im Kindergarten adäquat gefördert, gibt es keine Probleme für hochbegabte Kinder, die dann das spielen, basteln, lesen oder erforschen können, was ihnen Spaß macht und ihrem Wissenstand entspricht. Wichtig für eine gute Förderung ist es, Angebote zu setzen, die nicht in Abhängigkeit zum Alter ausgesucht werden, sondern die das Interesse der Kinder ansprechen. "Das darfst du jetzt noch nicht machen, das lernst du erst in der Schule", ist eine Zurückweisung, die für kein Kind zu empfehlen ist, denn es kann niemals gut sein, den kindlichen (Entdecker-)Geist zu bremsen.

Die kindliche Entdeckerfreude unterstützen

Die neueren Ergebnisse der Gehirnforschung sprechen hier eine deutliche Sprache und zeigen auch, dass beispielsweise die Fenster für den Fremdspracherwerb schon geschlossen sind, wenn in der Schule erstmals Fremdsprachen auf dem Stundenplan stehen. Hier hat bereits ein Umdenken eingesetzt, die Vermittlung von Fremdsprachen im Kindergarten ist inzwischen absolut nichts Außergewöhnliches mehr.

Hochbegabte Kinder zeichnen sich oft durch einen Sprachduktus aus, der von ihren Altersgenossen nicht verstanden wird, oder sie interessieren sich beispielsweise für philosophische Themen, die sie ihren Sandkastenkumpelsnicht vermitteln können. Schnell passiert es dann, dass sie ausgegrenzt werden und keine Freunde finden. Dann setzt unter Umständen ein Mechanismus ein, der die zumeist auch sehr sensiblen Kinder schwer belastet. Sie fühlen sich "anders" als die anderen Kinder, setzen aber "anders" gleich mit "schlechter" und verlieren oftmals ihr Selbstwertgefühl, was negative Auswirkungen auf ihre gesamte Persönlichkeit hat.

Spätestens an diesem Punkt sollten die beteiligten Erwachsenen in einen solchen Prozess eingreifen und ihm durch Förderprogramme entgegenwirken, wie sie beispielsweise von der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind lokal angeboten werden. Dabei geht es bei diesen Kursen nicht darum, "schlaue Kinder noch schlauer" zu machen, sondern ihnen durch das Zusammensein mit Kindern gleicher Interessen und Denkstrukturen zu zeigen, dass sie völlig "in Ordnung" sind. Sind die Kinder älter, kann eine solche Förderung auch als außerschulisches Programm eine sinn volle Ergänzung sein, wenn schulische Maßnahmen wie das Überspringen einer Klasse, der "Drehtürmodell-Unterricht" oder paralleler Sprachunterricht nicht ausreichen, um das geistige Potenzial der Kinder zu nutzen.

Es liegt in der Natur der Sache, dass Eltern hochbegabter Kinder die Hilfe und Unterstützung eines Vereins wie der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind suchen, wenn es im Kindergarten oder in der Schule zu Problemen kommt, die vorher -  im heimischen Umfeld - nicht auftraten. Für viele Eltern ist es ganz "normal", dass ihre Kinder schon sehr früh grammatikalisch richtige Sätzen sprechen. Diesen Eltern fehlt aber der Abgleich zur "richtigen" Entwicklungsstufe.

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