Interkulturelle Bildung in der Kita

von Dr. Christa Preissing

Laut Nationalem Aktionsplan der Bundesregierung soll allen Kindern, unabhängig von Herkunft und Geburt, der Zugang zu einer hochwertigen Bildung verschafft werden. Für die Kitas bedeutet dies unter anderem, Gemeinsamkeiten und kulturelle Unterschiede in den Blick zu nehmen und diese Diversität als Quelle für reichhaltige und komplexe Bildungsgelegenheiten zu nutzen.

Eine wahre Geschichte aus einer Berliner Kita:

Der fünfjährige dunkelhäutige Junge Noah äußert in einem Gespräch über die Berufe der Eltern, dass er Busfahrer in so einem großen Doppelstock-Bus oder, lieber noch, U-Bahn-Zugführer werden will. Er äußert Zweifel: Das gehe vermutlich nicht, denn er habe noch nie einen Busfahrer oder U-Bahn-Zugführer mit dunkler Hautfarbe gesehen.

Die Erzieherin greift Noahs Thema auf und macht es so zum Thema für alle Kinder: Die Kindergruppe macht mehrere Beobachtungen an Bushaltestellen und U-Bahnhöfen. Resultat: Kein dunkelhäutiger Fahrer wird gesichtet, wohl aber Männer und Frauen. Ein nächstes Thema eröffnet sich und wird zu einem späteren Zeitpunkt wichtig werden: Männer- und Frauenberufe. Denn viele Kinder, Mädchen wie Jungen, haben sich darüber gewundert, dass Frauen so große Fahrzeuge steuern können.

Anknüpfend an Noahs Lebensfrage schreiben die Kinder auf Vorschlag der Erzieherin jetzt erst einmal einen Brief an die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) mit Noahs Frage: Gibt es dunkelhäutige Busfahrer oder U-Bahn-Zugführer bei der BVG? Könnte Noah Fahrer bei der BVG werden? Was müsste er dafür können? Die positive Überraschung: Es gibt eine prompte Antwort der BVG-Personalabteilung an die Adresse der Kita: "Wir beschäftigen Personen aus 23 Nationen, sortieren sie aber nicht nach Hautfarbe. Wir werden weiter nachfragen."

Zwei Wochen später ein zweiter Brief, diesmal direkt adressiert an Noah! Der Brief enthält ein Foto von einem dunkelhäutigen U-Bahn-Zug - führer in BVG-Uniform und eine Einladung an Noah, im Fahrerabteil einer U-Bahn mitzufahren, um die Arbeit eines Zugführers kennenzulernen. Dabei könne er alle Fragen dazu stellen, was er wissen und können muss, um U-Bahn-Zugführer zu werden. Das Schreiben endet mit der Ermunterung, sich bei der BVG um einen Ausbildungsplatz zu bewer - ben, falls er mit 16 Jahren immer noch den Wunsch hat, Busfahrer oder U-Bahn-Zugführer zu werden.

Das Beispiel zeigt: Kinder nehmen bereits in sehr jungen Jahren wahr, dass Verschiedenheiten mit Wertigkeiten verbunden sind. "Anders" zu sein als die Mehrheit, hat erhebliche Auswirkungen auf das Selbstkonzept eines Kindes.

"Anders-Sein" ist dabei keineswegs eine rein quantitative Unterscheidung. Auch Kinder in Kitas, in denen z.B. ganz überwiegend Kinder türkischer oder arabischer Herkunft vertreten sind, fühlen sich "anders" in einer deutschen Kita. "Anders-Sein", von anderen als "anders" gesehen zu werden, sich "anders" zu fühlen, hat immer damit zu tun, wessen Maßstab als "normal" gilt. Den Maßstab definieren immer die Mächtigeren. In unserem Zusammenhang ist das das deutsche Schulsystem. Damit verbunden ist die Frage, ob allen Kindern, gleich welcher Herkunft, gleiche Bildungschancen eröffnet werden.

Alle Kinder sind gleich - jedes Kind ist besonders


Allen Kindern stehen, juristisch gesehen, gleiche Rechte und Bildungsansprüche zu: Nach Artikel 2 der 1992 in Deutschland in Kraft getretenen UN-Kinderrechtskonvention haben Kinder ein Recht auf ein Leben ohne Diskriminierung, unabhängig von der Hautfarbe, dem Geschlecht, der Sprache, der Religion, der nationalen, ethnischen oder sozialen Herkunft, des Vermögens, einer Behinderung, der Geburt oder des sonstigen eigenen Status, dem seiner Eltern oder seines Vormunds. Ebenso haben Kinder das Recht auf Schutz vor allen Formen der Diskriminierung.

Laut Nationalem Aktionsplan der Bundesregierung (2005) soll allen Kindern, unabhängig von Herkunft und Geburt, ein Zugang zu einer hochwertigen Bildung verschafft werden. Dabei plädiert die Bundesregierung dafür, individuell unterschiedlich verlaufenden Bildungsprozessen der Kinder Rechnung zu tragen. Gleichzeitig kommen Kinder aus sehr unterschiedlichen Lebensverhältnissen und haben ungleiche Voraussetzungen und Möglichkeiten, sich die Welt lernend anzueignen. Ihre gesellschaftliche Anerkennung und Teilhabe unterscheidet sich je nach sozialem Status, Herkunft, Hautfarbe, Sprache(n), Religion, Geschlecht, Alter, Behinderung oder Beeinträchtigung.

Die besondere Herausforderung für Kindertageseinrichtungen ist also, das Spannungsverhältnis zwischen der "Gerechtigkeit der Gleichheit" (gleiche Bildung für alle Kinder) und der "Gerechtigkeit der Differenz" (unterschiedliche Bildungsangebote für unterschiedliche Kinder) ausgewogen zu halten und Unterschiede zu thematisieren, ohne Kinder und ihre Familien zu stigmatisieren. Hierzu sind pädagogische Konzepte notwendig, welche die unterschiedlichen Voraussetzungen, Erfahrungen und Lebenssituationen der Kinder berücksichtigen. Die Bildungspläne der Länder bieten den verbindlichen Rahmen für die Entwicklung solcher Konzepte.

FOTO: ISTOCKPHOTO

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