Diversität - ein neuer, spannender Diskurs?
Vielfalt ist in der Elementarpädagogik zum Gegenstand kontroverser Debatten geworden - mit weitreichenden Auswirkungen auf das Verständnis, die Bedeutung und den praktischen Umgang mit ihr.

Die Beschäftigung mit Diversität im Bildungswesen geht nicht nur mit dem Wandel theoretischer Positionen über kindliche Entwicklung und kindliches Lernen, sondern auch mit makro- und mikrosozialen Wandlungsprozessen gesamtgesellschaftlicher Art einher.
Die frühere Auffassung, wonach menschliche Entwicklung das Ergebnis eines angelegten Plans sei, der menschliche Entwicklung in Stadien und Phasen und weitgehend ähnlich bei allen Individuen gestalten lässt, sah keinen Raum für individuelle Differenzen, für unterschiedliche Entwicklungsverläufe vor. Erst die Veränderung der theoretischen Position und die Etablierung selbstgestaltungstheoretischer und interaktionistischer Positionen haben das Interesse an individuellen Differenzen geweckt: Wenn Kinder ihre Bildungsbiografie selbst konstruieren, wenn sie ihre Welt über eine subjektive Konstruktion der Wirklichkeit begreifen und wenn diese Welt den Kindern so heterogene Erfahrungen ermöglicht, dann ist die logische Konsequenz, dass diese subjektiven Konstruktionen - wie auch dadurch die Entwicklungsverläufe - variieren müssen. Durch die Einführung inter aktionistischer Modelle verstärkte sich diese Auffassung. Denn sie entindividualisieren den Bildungsprozess, betonen die Bedeutung der sozialen Interaktion und betrachten die Generierung von Wissen und die Sinnkonstruktion als das Ergebnis interaktionaler Prozesse, an denen neben dem Kind Erwachsene (Eltern, Fachkräfte u.a.) sowie andere Kinder aktiv beteiligt sind. Zudem wird die Organisation des Bildungsprozesses sozial und kulturell eingebettet ? und solche Kontexte variieren in hohem Maße. Somit werden die Grundlagen für unterschiedliche Entwicklungsverläufe bereitgestellt. Insbesondere die letzte theoretische Position betont die Diversität der Kon texte, des Wissenserwerbs und der Sinnkonstruktion, was folgerichtig Diversität in hohem Maße begünstigt - und diese sogar dadurch gefördert wird, dass die Kinder ermuntert werden, ihren eigenen Denkstil, ihren Lösungsansatz zu entwickeln und diesen anderen Kindern mitzuteilen, ihn in einen Diskurs einzubringen und mit anderen darüber zu reflektieren.
Verändertes Verständnis von Diversität
Erst gegen Ende des vorigen und zu Beginn dieses Jahrhunderts entwickelte sich ein verändertes Verständnis von Diversität in der Elementarpädagogik und beeinflusst seitdem die Konstruktion von Bildungsplänen und die Organisation von Bildungsprozessen. Mitte der 1990er-Jahre hatten King und Kollegen (1994) ein "Multiethnic, Multicultural, Antibias Curriculum" vorgelegt. Kurz zuvor hatte Derman-Sparks (1992) Elemente eines Bildungsplans präsentiert, die der ethnischen Diversität Rechnung tragen sollten. Sie definierte vier wesentliche Ziele eines multikulturellen Antibias- Curriculums: (1) Aufbau einer zuverlässigen Selbst- Identität; (2) angemessener und empathischer Umgang mit Menschen von unterschiedlicher Herkunft; (3) kritisch- nachdenkliche Haltung gegenüber Vorurteilen; (4) Aufbau von Standfestigkeit und Einsatzwille im Kontakt mit vorurteilsbehafteten Haltungen.
Ein derartiges Curriculum bezieht natürlich nicht nur kulturell übergreifende Aspekte ein, sondern ist auch sensitiv für Aspekte des Geschlechts, des Alters und physischer Merkmale. In der Zwischenzeit ist der Schwerpunkt der "cultural diversity" weltweit einer der zentralen Aspekte in der modernen Curriculum-Konstruktion geworden. In Deutschland ist es der Verdienst von Preissing & Wagner, in etlichen Beiträgen immer wieder auf die Bedeutung von Diversität und auf die Notwendigkeit eines paradigmatischen Wechsels bei der Bewertung und beim Umgang mit Diversität hingewiesen zu haben.
Gunilla Dahlberg (1999, 2002) hat darauf aufmerksam gemacht, dass der gesellschaftliche Wandel - ökonomisch, sozial, technologisch -, den wir heute erleben, mehr als nur den Übergang von einer Industriegesellschaft zu einer Informations- und Wissensgesellschaft verkörpert. Vielmehr findet nach Dahlberg eine grundlegende Neubewertung der Art und Weise statt, wie wir die Welt und uns selbst sehen und verstehen. Seit der Aufklärung wurde unser Weltbild stark durch das Projekt der Moderne geformt. Die Kernprämissen dieses Projekts - kontinuierlicher und linearer Fortschritt, Gewissheit und Universalität, die Entdeckung "nachweisbarer" Wahrheiten durch die Anwendung "objektiver" wissenschaftlicher Methoden - werden zunehmend infrage gestellt. Heute gewinnt das Projekt der Postmoderne an Bedeutung. Dieses Konzept akzeptiert und begrüßt Ungewissheit, Komplexität, Vielfalt, Multiperspektivität sowie historische und Kontextbezogenheit.
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